Im April 2019 habe ich 1 Monat als Observer am Moorfields Eye Hospital in London verbracht.
Mein Ziel war es, einen möglichst guten Eindruck von der Arbeit am Moorfields zu erhalten, da ich seit längerem über ein Fellowship in England nachdenke.
Ich habe jeweils 1 Woche in den folgenden Abteilungen verbracht: Adnexal, Strabismus, Medical Retina, Cornea.
Das Moorfields Eye Hospital (MEH) ist eine der grössten Augenkliniken in Europa, wenn nicht sogar weltweit. Aufgrund der Grösse (über 1000 Patienten pro Tag) und der hohen Spezialisierung werden hier die spannendsten Fälle des Landes gesehen.

Observerships können direkt auf der Moorfields Website für 150 GBP pro Woche gebucht werden. Leider ist die zuständige Dame nicht gerade ein Organisationstalent und beantwortet nur selten ihre Emails. Deshalb am besten telefonisch Kontakt aufnehmen und immer wieder nachfragen, ob alles korrekt läuft.

Als schweizer Augenarzt ist man im Moorfields zuerst einmal überwältigt, dann aber ziemlich schnell wieder ernüchtert. Das Spital ist gigantisch. Allein im Hauptgebäude laufen 15 Sprechstunden gleichzeitig, jede davon mit 10-20 Ärzten. Die Wartezonen gleichen den Gates an einem Flughafen.

Ein integrierter «Costa Coffee» und Souvenirladen lässt einen staunen. Genauso die «Check-in-Automaten»
Beobachtet man jedoch einen einzelnen Arzt bei der Arbeit, wird der initiale Eindruck schnell relativiert. Die Untersuchungskabinen sind klein, das Material ist veraltet oder fehlt und die Dokumentation in den Papierakten chaotisch. Die Voruntersuchung fällt auch sehr knapp aus: Visus ohne Refraktion, selten einmal Druckmessung. Die Arbeit am Patienten geht sehr langsam voran. In meinen 4 Wochen habe ich nur einen einzigen Arzt erlebt, der mehr als 2 Patienten pro Stunde untersucht hat. Das liegt hauptsächlich am überwältigenden Ausmass an Bürokratie. Ausserdem scheint Zeitdruck ein Fremdwort zu sein, denn auch bei Wartezeiten von mehr als 3 Stunden waren Patienten und Ärzte immer entspannt.

Während es für den «Nursing Staff» 15 verschiedene Uniformen gibt, sind Ärzte und Optometristen alle zivil gekleidet. Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, Hosen und Schuhe. Armbanduhren, Jeans, Turnschuhe sowie Kittel sind verboten.

Bezüglich Fachwissen bestehen grosse Unterschiede. Jede Sprechstunde wird von einem Consultant geleitet. Diese sind unglaublich kompetent, jedoch häufig abwesend. Die Patienten werden hauptsächlich von Fellows betreut. Da am Moorfields kaum jemand aus England arbeitet, sind die Niveaus der Fellows genau so unterschiedlich wie ihre Herkunftsländer.

Die Zeit im OP war fantastisch. Man kann hier täglich jede zurzeit übliche Augenoperation sehen und häufig auch sehr unübliche. Die Hygiene im OP ist für einen Schweizer äusserst gewöhnungsbedürftig: Masken werden nur direkt am Tisch getragen, die OP Schuhe werden nie gewaschen und sind deshalb voll mit Iod- und Blutflecken, die Angestellten nehmen ihre privaten Taschen mit in den OP und der Korridor des OP-Trakts wird von vielen (zivil gekleideten) als Abkürzung zum Kinderspital benutzt.

Gewohnt habe ich im 3. Stock eines typisch englischen Hauses. Die Wohnung war klein, teuer, aber sehr schön und gemütlich. Wie ich später herausgefunden habe, hat mein aktueller Chef vor Jahren auch einmal im gleichen Haus gewohnt. Die Landlady (Ann) war super nett und das Haus perfekt gelegen. Vom 2min entfernten Bahnhof «Drayton Park» sind es nur 3 Haltestellen bis zum Moorfields.
Fazit: Ein Observership im Moorfields Eye Hospital lohnt sich auf jeden Fall. Man kann dort in kurzer Zeit sehr viele spezielle Fälle zum gleichen Thema sehen und lernt dabei das englische Gesundheitssystem (NHS) besser kennen. Ich würde eher empfehlen 2-3 Wochen in der gleichen Abteilung zu bleiben, da die Consultants, welche auf ganz seltene Krankheiten spezialisiert sind leider oft abwesend sind und ihre Sprechstunden dann nicht stattfinden.